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Familie Ritter

Sie haben Ihren Betrieb in den letzten Jahren stark umgekrempelt. Welche Änderungen haben Sie vorgenommen und auf welchen Standbeinen steht der Betrieb heute?
Andreas Ritter: Gestartet sind wir in einer Betriebsgemeinschaft mit meinem Vater. Gemeinsam betrieben wir eine Schweinezucht und intensive Milchwirtschaft. Mit unseren Holstein-Kühen produzierten wir jährlich gegen 200000 Kilo Milch. Um diese Menge zu erreichen, mussten wir aber in grossem Stil Kraftfutter hinzukaufen. Aufwand und Ertrag haben aus meiner Sicht nicht gestimmt. Diese Hochleistungsproduktion hat mir deshalb je länger je mehr missfallen. Als wir den Betrieb 2010 von meinem Vater übernehmen konnten, haben wir uns für eine komplette Neuausrichtung entschieden. Die kosten- und zeitintensiven Holstein-Kühe haben wir durch Jersey-Kühe ersetzt, die Schweinezucht aufgegeben und den Betrieb ab 2012 auf Bio umgestellt. Unsere Betriebszweige heute sind die Milchwirtschaft, die Direktvermarktung von Bioweidebeef und weiteren Hofprodukten (siehe www.ritterfarm.ch mit Webshop) sowie die Stromproduktion mit einer Photovoltaikanlage. Weitere Standbeine sind für uns die Nebenerwerbstätigkeit von Colette – sie arbeitet Teilzeit als Lehrerin – und die Direktzahlungen.

Was sind die Vorteile der Jersey-Kühe?
Andreas Ritter: Mit den Jersey-Kühen produzieren wir zwar «nur» noch 100000 Kilo Milch, dafür sind sie weniger kosten- und arbeitsintensiv. Dank der gehaltvolleren Milch und der Bioprämie verdienen wir unter dem Strich nicht weniger als vorher. Aufgrund der tieferen Kosten stehen wir nun auch weniger unter Druck, wenn beispielsweise der Milchpreis fällt. Für die Fleischproduktion können wir die Jersey-Kühe zudem mit Limousin besamen lassen.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag durch die Betriebsumstellungen verändert?
Colette Ritter: Wir arbeiten nicht weniger, aber viel motivierter. Mit den jetzigen Strukturen können wir agieren, statt wie früher nur reagieren. Dank der Direktvermarktung beispielsweise können wir nun aktiv schauen, welche Nischenprodukte auf dem Markt gefragt sind und dann etwas Neues ausprobieren. Mit den alten Betriebsstrukturen war dies nicht möglich. Wir waren an die Betriebszweige gebunden. Die Betriebsumstellung lässt uns zudem viel flexibler arbeiten. Zum Beispiel kann der Lehrling den Stall alleine besorgen, was uns Raum für Freizeit schafft. Kurz gesagt, die Arbeit macht uns nun viel mehr Spass.

Die Direktzahlungen haben Sie als eigenes Einkommensstandbein bezeichnet. Wie sehr haben Sie sich bei den Betriebsumstellungen von der aktuellen Agrarpolitik beeinflussen lassen?
Andreas Ritter: Eigentlich gar nicht, wir haben unabhängig von den Vorgaben der Politik gehandelt. Unsere Vorstellung von Landwirtschaft passt einfach gerade zur aktuellen Agrarpolitik. Neben der biologischen Produktion tragen aber auch unsere vielen Hochstammbäume – die ja schon früher Bestandteil des Betriebs waren – zu höheren Direktzahlungen bei.

Wie hat Ihr Vater auf die Neuausrichtung des Betriebs reagiert?
Andreas Ritter: Er hat uns freie Hand gelassen, obwohl er zu Beginn unsere Meinung sicher nicht ganz teilte. Nun ist er aber von unseren Ideen voll überzeugt und hilft im Betrieb auch noch tatkräftig mit.

Wo sehen Sie Ihren Betrieb in zehn Jahren?
Andreas Ritter: Gross investieren oder neue Betriebszweige aufbauen wollen wir in den nächsten Jahren nicht. Wir werden laufend die Gebäude unterhalten und Schulden abbauen. Für die weitere Zukunft warten wir erst einmal ab, welche Pläne unsere Kinder haben werden. Wir wollen beide sicher nicht bis 65 auf dem momentanen Level weiterarbeiten. Wenn eines der Kinder Interesse am Bauern zeigt, werden wir die Übergabe frühzeitig aufgleisen. Sollte sich jedoch keine Nachfolge aus der eigenen Familie ergeben, werden wir den Betrieb vereinfachen.

Dann kann Ihr Betrieb auch noch von der nächsten Generation weitergeführt werden?
Andreas Ritter: Mit guten Ideen und Flexibilität ist auch für die nächste Generation ein Einkommen aus der Landwirtschaft möglich. Eine gewisse Herausforderung stellen aber die 15 Hektaren Pachtland dar, die wir momentan bewirtschaften. Wie da die Situation in einigen Jahren aussieht, wissen wir heute noch nicht.

Für die Finanzierung der Photovoltaikanlage haben Sie ein eher unübliches Finanzierungsmodell gewählt. Wie konnten Sie Geldgeber «ködern»?
Andreas Ritter: Einen grossen Teil des Kapitals haben wir eigentlich auf ganz gewöhnliche Weise erhalten, nämlich über ein Darlehen meiner Eltern und eine Hypothek unserer Hausbank. Rund einen Viertel des Finanzierungsbedarfs haben wir aber mit kleinen Darlehen von Privaten – von unseren Kunden – gedeckt. Wir haben sie angeschrieben und ihnen als Verzinsung Fleisch von unserem Betrieb angeboten. Natürlich hatten sie auch die Wahl, sich den Zins in Form von Geld auszahlen zu lassen. Die Naturalien boten aber eine höhere Rendite, da wir einen besseren Zinssatz offerierten. Das Interesse war jedenfalls vorhanden und alle privaten Geldgeber beziehen ihren Zins nun in Form von Hofprodukten.

Und wie genau funktioniert die Auszahlung dieses «Naturalien-Zinses»?
Andreas Ritter: Wir stellen den Geldgebern jährlich Gourmetscheine in der Höhe ihres Zinsanspruchs aus. Diese können sie dann gegen unsere Produkte eintauschen. Damit der Wert des jährlichen Gourmetscheins wegen den Amortisationen nicht abnimmt, haben wir einen Durchschnittszins über die ganze Darlehensdauer berechnet. Dadurch bleibt der Gutschein jedes Jahr gleich hoch.

Wollen die Geldgeber auch die Amortisationen in Form von Hofprodukten erhalten?
Andreas Ritter: Die meisten Darlehen amortisieren wir vorwiegend mit Geld. Einzelne Kunden wollen aber auch da mit Fleisch bezahlt werden.

Wo können Sie als Betriebsleiterehepaar und Eltern von fünf Kindern vom Alltag abschalten?
Colette Ritter: Wir sind beide gern in der Natur unterwegs und treiben viel Sport. Im Sommer stehen Biken und Wandern auf dem Programm, im Winter sind wir mit den Langlaufskis unterwegs. Wir gönnen uns drei bis vier Wochen Ferien pro Jahr, um vom Alltag abzuschalten und neue Energie zu tanken. Es ist uns wichtig, uns Zeit für etwas anderes zu nehmen. Seien es Ausflüge oder Ferien mit der Familie oder bewusst auch nur zu zweit. Dank der tatkräftigen Unterstützung durch unseren Lehrling und meine Schwiegereltern sind solche Auszeiten möglich.

Welchen Tipp oder welche Tipps können Sie unseren Lesern weitergeben?
Colette Ritter: Flexibel sein. Nicht jammern und die Augen für Neues offen halten. Auf dem Markt gibt es immer wieder neue Nischen für landwirtschaftliche Produkte. Arbeit auch mal liegen lassen und später erledigen. Und ganz wichtig: die Arbeit soll Freude bereiten!

Aktuell - News&Tipps Ausgabe 2/2017

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